Es gibt diesen einen Moment Anfang September, an dem die Stadt kippt. Die Studentinnen und Studenten sind noch nicht ganz zurück, die Sommergäste schon weg, und in den Gassen rund um den Grazer Hauptplatz hört man plötzlich wieder Schritte statt Stimmengewirr. Wer Graz kennt, wartet genau auf diese zwei, drei Wochen.
Der Schlossberg, aber bitte zu Fuß
Ja, es gibt die Schlossbergbahn, und ja, sie ist bequem. Aber der Aufstieg über die Kriegssteige, diese 260 Stufen aus dem frühen 20. Jahrhundert, gehört zu den unterschätztesten Stadtwegen Österreichs. Im Hochsommer ist er eine Zumutung. Im September, wenn die Morgenluft noch bei 14 Grad steht, ist er einfach nur schön: kühler Stein, ein bisschen Moosgeruch, und alle zwanzig Stufen ein anderer Ausschnitt der Dächer.
Oben angekommen steht man beim Uhrturm und stellt fest, dass die Zeiger vertauscht wirken. Der große zeigt die Stunden, der kleine die Minuten. Das war einmal praktisch, damit man die Uhrzeit auch aus der Ferne lesen konnte. Heute ist es nur noch ein netter Fehler, den niemand korrigieren will.
Die Altstadt lesen lernen
Graz hat eine der besterhaltenen Altstädte Mitteleuropas, das steht in jedem Reiseführer. Was dort selten steht: Man sieht das erst, wenn man aufhört, geradeaus zu gehen. Die Innenhöfe sind das eigentliche Ereignis. Der Landhaushof mit seinen Arkaden in drei Etagen, der aussieht, als hätte jemand ein Stück Verona vergessen. Kleinere, namenlose Höfe in der Sporgasse, wo Fahrräder stehen und jemand Wäsche aufgehängt hat.
Nehmen Sie sich einen Vormittag und gehen Sie durch jedes offene Tor, das nicht ausdrücklich privat aussieht. Das ist in Graz erstaunlich oft erlaubt, und niemand schaut komisch.
Essen, wo die Grazer essen
Der Kaiser-Josef-Markt am Samstagvormittag ist kein Touristenmarkt, sondern ein echter. Es riecht nach Kürbiskernöl, nach nassem Karton und nach den ersten Äpfeln der Saison. Genau jetzt, im September, liegen die steirischen Käferbohnen auf den Tischen, und die Verkäuferinnen erklären einem ungefragt, wie lange man sie einweichen muss.
Ein Hinweis zum Kürbiskernöl, weil das so oft schiefgeht: Es gehört nicht in die Pfanne. Es kommt kalt drüber, über den Salat, über den Vanillekipferl-Eisbecher (klingt seltsam, funktioniert), über eine simple Rindsuppe. Erhitzt schmeckt es nach nichts.
Ein Nachmittag außerhalb
Wer zwei Tage hat, sollte einen davon nicht in der Stadt verbringen. Die Regionalbahn Richtung Süden bringt Sie in einer knappen halben Stunde nach Wildon oder weiter Richtung Leibnitz, mitten ins Vorfeld der Südsteirischen Weinstraße. Von dort ist die Landschaft plötzlich weich, hügelig, fast toskanisch, und die Buschenschanken haben im September geöffnet, wenn der Sturm gerade anläuft.
Was Sie wissen sollten: Buschenschanken haben Ausschankzeiten, die von Betrieb zu Betrieb wechseln und oft nur wenige Wochen im Jahr laufen. Ein Anruf vorher erspart eine Enttäuschung. Und wer Sturm trinkt, sollte den Rückweg mit der Bahn planen, nicht mit dem Auto. Das Zeug ist harmloser im Geschmack als in der Wirkung.
Was man sich sparen kann
Die Murinsel. Ehrlich gesagt. Diese schwimmende Stahlmuschel von Vito Acconci war 2003 eine gute Idee für das Kulturhauptstadtjahr, und sie sieht auf Fotos gut aus. Wenn man drinnen steht, ist es ein etwas müdes Café mit Blick auf braunes Wasser. Fünf Minuten, ein Foto, weitergehen.
Das Kunsthaus dagegen, dieses blaue Ding, das die Grazer selbst „friendly alien“ nennen, lohnt sich auch dann, wenn die aktuelle Ausstellung nichts für Sie ist. Allein die Rampe im Inneren und der Blick aus der Nadel über die Dächer der Altstadt sind den Eintritt wert, der je nach Ausstellung im üblichen Rahmen österreichischer Häuser liegt.
Das Grazer Kaffeehaus-Problem
Graz hat keine Wiener Kaffeehauskultur, und es tut auch nicht so. Was es hat, sind ein paar sehr gute, sehr junge Röstereien und Lokale, in denen man den Kaffee ernster nimmt als die Einrichtung. Das ist ehrlicher als der zwanzigste Marmortisch mit Thonetsessel.
Wer trotzdem das Alte sucht: In der Sackstraße und rund um den Franziskanerplatz gibt es Häuser, in denen sich seit Jahrzehnten wenig geändert hat, inklusive der Kellner, die einen mit einem einzigen Blick einordnen. Setzen Sie sich hin, bestellen Sie eine Melange und einen Apfelstrudel, und lassen Sie sich Zeit. Niemand wird Sie hinauskomplimentieren, das gehört zum Geschäftsmodell.
Und noch ein Detail, das man erst beim zweiten Besuch bemerkt: In Graz wird spürbar langsamer geredet als in Wien. Nicht bedächtiger, nur langsamer. Nach zwei Tagen fällt einem auf, dass man selbst mitgezogen hat.
Praktisches
- Mit der Bahn von Wien nach Graz dauert es rund zweieinhalb Stunden über die neue Strecke, von Salzburg etwas länger.
- Die Altstadt ist zu Fuß in zwanzig Minuten durchquert. Ein Auto ist hier reine Last.
- Im September ist der Wetterwechsel gemein: früh 12 Grad, mittags 24. Zwiebelprinzip.
Am letzten Abend, wenn Sie oben am Schlossberg sitzen und die Lichter unten angehen, versteht man, warum so viele Leute nach dem Studium einfach dageblieben sind. Graz macht keinen Lärm um sich. Das ist genau der Punkt.



