Es gibt in Wien Leute, die schon in Lissabon, Kopenhagen und Palermo waren und noch nie in Bratislava. Die Stadt liegt rund sechzig Kilometer entfernt, der Zug fährt im Stundentakt, die Fahrt dauert etwa eine Stunde. Näher geht praktisch nicht.
Der Grund für diese Ignoranz ist ein alter Reflex. Bratislava war jahrzehntelang hinter dem Eisernen Vorhang, und viele haben das Bild von damals nie aktualisiert.
Was man sofort merkt
Die Altstadt ist klein. Wirklich klein - man geht sie in einer Dreiviertelstunde einmal durch, wenn man nicht stehenbleibt. Kopfsteinpflaster, pastellfarbene Fassaden, das Michaelertor als einziges erhaltenes Stadttor, und in den Gassen mehr Cafés als Menschen, zumindest an einem Werktagvormittag im Februar.
Und dann diese Brüche. Direkt neben dem barocken Kern steht die Brücke SNP mit dem UFO-Restaurant auf dem Pylon, ein sozialistisches Prestigeprojekt aus den 1970ern, für das ein großer Teil der Altstadt samt Synagoge abgerissen wurde. Man kann hinauffahren, der Blick ist gut, und die Geschichte dahinter ist bitter.
Die Burg und der Blick über drei Länder
Der Burghügel ist der klassische Aufstieg, zu Fuß von der Altstadt in etwa fünfzehn Minuten. Die Burg selbst, dieser weiße Kasten mit vier Ecktürmen, wurde nach einem Brand im 20. Jahrhundert rekonstruiert und wirkt von Nahem etwas steril.
Der Grund hinaufzugehen ist die Terrasse. Von dort sieht man die Donau, die Plattenbausiedlung Petržalka auf der anderen Seite, und bei klarem Wetter bis nach Österreich und Ungarn. Drei Länder von einem Punkt aus, ohne Fernglas.
Essen: schwer, gut, günstig
Die slowakische Küche macht keine Kompromisse. Bryndzové halušky sind das Nationalgericht: kleine Kartoffelnocken mit Schafskäse und gebratenem Speck. Das ist deftig bis an die Grenze, und nach einer Portion braucht man einen Spaziergang.
Dazu Kapustnica, eine Sauerkrautsuppe mit Wurst und getrockneten Pflaumen, die im Winter genau richtig ist. Und wenn Sie etwas Leichteres wollen: Die Bierkultur ist gut, es gibt inzwischen mehrere kleine Brauereien im Zentrum.
Die Preise liegen deutlich unter den Wiener Preisen, wobei die Lokale direkt am Hauptplatz da eine Ausnahme machen. Zwei Gassen weiter zahlt man spürbar weniger für besseres Essen. Das ist überall auf der Welt so und in Bratislava besonders krass.
Eine Sache, die kaum jemand macht
Fahren Sie mit dem Bus oder gehen Sie zu Fuß über die Brücke nach Petržalka. Das ist die größte Plattenbausiedlung Mitteleuropas, gebaut in den 1970er- und 80er-Jahren für über hunderttausend Menschen.
Es ist kein Elendsviertel, sondern ein normales Wohngebiet mit Schulen, Parks und einer U-Bahn-losen Verkehrsplanung, die sich täglich rächt. Die Blöcke wurden nach der Wende bunt gestrichen, was das Ganze noch surrealer macht.
Wer sich für das 20. Jahrhundert interessiert, lernt dort an einem Nachmittag mehr als in drei Museen. Und der Donauradweg führt am Ufer entlang zurück Richtung Altstadt, was auch im Winter geht, wenn es trocken ist.
Devín, wenn ein halber Tag übrig ist
Etwa zehn Kilometer flussaufwärts, dort wo die March in die Donau mündet, steht die Burgruine Devín auf einem Felsen. Der Ort ist seit der Bronzezeit besiedelt, war großmährisches Zentrum und im 20. Jahrhundert Sperrgebiet: Die Grenze zu Österreich verlief hier mitten durch den Fluss, mit Stacheldraht und Wachtürmen.
Heute steht dort ein Denkmal für die Menschen, die beim Fluchtversuch erschossen wurden. Auf der anderen Seite sieht man Hainburg und die Hundsheimer Berge, also Niederösterreich, zum Greifen nah.
Hinkommen: mit dem Stadtbus vom Zentrum in gut zwanzig Minuten, oder im Sommer mit dem Schiff. Der Weg von der Burg hinunter zum Zusammenfluss ist kurz und lohnt sich, allein wegen der Perspektive.
Anreise, praktisch
Züge fahren ab Wien Hauptbahnhof nach Bratislava hlavná stanica, ungefähr stündlich, Fahrzeit rund eine Stunde. Es gibt ein günstiges Tagesticket für die Strecke inklusive Nahverkehr in beiden Städten, das man am Automaten oder in der App bekommt. Das Klimaticket gilt nur bis zur Grenze.
Alternativ fahren Busse ab dem Wiener Hauptbahnhof, oft noch günstiger und je nach Verkehr ähnlich schnell. Und im Sommer gibt es eine Schnellbootverbindung auf der Donau, die im Februar allerdings nicht fährt.
Bezahlt wird in Euro, die Slowakei ist im Euroraum. Ausweis mitnehmen, auch wenn es Schengen ist.
Der Grund, doch zu bleiben
Bratislava funktioniert als Tagesausflug. Aber wer eine Nacht bleibt, erlebt etwas anderes: Am Abend leert sich die Altstadt von den Tagesgästen, und dann sitzen in den Lokalen Leute, die dort wohnen. Es wird Slowakisch gesprochen, Ungarisch, Deutsch, alles durcheinander, so wie in dieser Stadt seit Jahrhunderten.
Und wenn man am nächsten Morgen am Bahnhof steht, ist man in einer Stunde wieder daheim. Das ist die eigentliche Absurdität.



