Man hört sie, bevor man sie sieht. Erst ein unregelmäßiges Läuten irgendwo weiter oben am Hang, dann Rufe, dann dieses schwere, gleichmäßige Trampeln von hundert Tieren, die alle in dieselbe Richtung wollen. Und dann kommt die Herde um die Kurve, und die Leitkuh trägt einen Kopfschmuck, an dem jemand tagelang gearbeitet hat.
In Ebensee, in Gosau, in Bad Goisern und ein paar Dutzend anderen Orten im Salzkammergut passiert das jedes Jahr im September und Oktober. Und jedes Jahr stehen mehr Leute mit Handys am Straßenrand.
Der Schmuck ist eine Botschaft, kein Dekor
Das ist der Punkt, den die meisten Zuschauerinnen nicht kennen: Der Aufputz wird nur dann angelegt, wenn der Almsommer ohne Unglück verlaufen ist. Ist ein Tier abgestürzt, hat ein Bauer oder eine Sennerin einen Todesfall in der Familie zu beklagen, kommt die Herde ungeschmückt ins Tal. Wortlos.
Wer also einen Almabtrieb ohne Blumenkronen sieht, sieht keine schlecht organisierte Veranstaltung. Er sieht eine Trauerbekundung.
Der Schmuck selbst besteht traditionell aus Almrosen, Latschenzweigen, Papierblumen und Spiegeln. Die Spiegel sollen böse Blicke abwehren. Ob das jemand heute noch glaubt, ist eine andere Frage - gemacht wird es trotzdem, und zwar von Hand, meistens in der Nacht davor.
Warum überhaupt hinauf und wieder hinunter
Die Almwirtschaft ist keine Folklore, sondern eine ziemlich nüchterne Rechnung. Im Sommer sind die Talwiesen für die Heugewinnung reserviert. Die Tiere gehen hinauf, fressen dort oben Gräser und Kräuter, die es unten nicht gibt, und halten damit gleichzeitig die Almflächen offen. Ohne diese Beweidung würde der Wald innerhalb weniger Jahrzehnte zurückkommen, und mit ihm die Lawinengefahr für die Dörfer darunter.
Es ist harte Arbeit für wenig Geld. Eine Sennerin auf einer kleinen Alm im Ausseerland verdient in einem Sommer weniger, als viele in zwei Monaten im Büro verdienen. Wer das romantisch findet, hat noch nie um halb fünf bei Nebel Kühe gesucht.
Wo Sie hingehen sollten und wo eher nicht
Die großen, beworbenen Almabtriebe mit Festzelt, Standlmarkt und Moderation sind ein netter Ausflug, aber ehrlich gesagt eher Volksfest als Almabtrieb. Wenn Sie das wollen: gut, das funktioniert, und für Kinder ist es großartig.
Wenn Sie es anders wollen, fragen Sie im Tourismusbüro nach den kleinen Terminen in den Seitentälern. Dort stehen dann vielleicht dreißig Leute an der Straße, die meisten davon aus dem Ort, und danach geht man ins Gasthaus und nicht ins Zelt.
- Die Termine hängen vom Wetter ab. Ein Kälteeinbruch kann alles um eine Woche vorziehen.
- Fixe Uhrzeiten gibt es kaum. Die Herde kommt, wenn sie kommt.
- Hunde bleiben zu Hause. Wirklich.
Verhalten, das niemand extra erklärt
Ein paar Dinge, die selbstverständlich klingen und trotzdem jedes Jahr schiefgehen. Stellen Sie sich nicht mitten auf den Weg, um das perfekte Frontalfoto zu bekommen. Eine Herde in Bewegung lässt sich nicht bremsen, und Rinder sind nach zwei Stunden Abstieg nervös. Halten Sie Abstand, besonders wenn Kälber dabei sind.
Und der Blitz am Handy bleibt aus. Das ist keine Höflichkeitsfrage, das ist Tierschutz.
Was danach im Dorf passiert
Nach dem Einzug wird gegessen, und zwar ordentlich. In vielen Orten gibt es ein Almabtriebsfest mit Standln, aber der interessantere Teil läuft im Gasthaus: Dort sitzen dann die Bauern, die Sennerinnen und die Helfer, und es wird abgerechnet, wer wem was schuldet.
Auf den Tellern liegt, was der Sommer hergegeben hat. Almkäse, Butterschmalz, Selchfleisch. In der Steiermark und im Ausseerland kommt oft Reindling oder ein Schmalzgebäck dazu. Und wer Glück hat, bekommt einen Almkäse, der nur in dieser einen Hütte gemacht wurde und den es nirgends zu kaufen gibt.
Es ist übrigens vollkommen in Ordnung, sich dazuzusetzen und zu fragen. Die meisten erzählen gern, wenn man nicht mit der Kamera anfängt, sondern mit einer Frage. Nach zehn Minuten weiß man mehr über Almwirtschaft als aus jeder Broschüre, und meistens auch, warum heuer alles später dran war.
Danach: der Rest des Tages
Der schöne Nebeneffekt: Mitte Oktober ist das Salzkammergut fast leer. Die Sommergäste sind weg, die Skisaison noch weit. Der Hallstätter See liegt oft glatt wie Blech, und auf dem Uferweg zwischen Obertraun und Hallstatt trifft man an einem Werktag vielleicht zehn Menschen.
Mit der Bahn kommt man erstaunlich gut hin. Die Salzkammergutbahn von Attnang-Puchheim nach Stainach-Irdning fährt an fast allen Seen vorbei, und in Hallstatt hält der Zug am gegenüberliegenden Ufer, von wo eine kleine Fähre übersetzt. Das ist einer der schönsten Bahnhofsausgänge des Landes.
Am Abend, wenn die Herde längst in den Ställen steht und der Blumenschmuck in irgendeiner Scheune liegt, wird es im Tal empfindlich kühl. Und irgendwo oben, auf einer leeren Alm, geht das Licht für ein halbes Jahr aus.



